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F: Wie kamen Sie auf die Idee, den Verlag zu gründen?
A: Das ist eine lange Geschichte. Zunächst einmal bin ich bereits seit meinem
Anglistik- und Romanistikstudium ein begeisterter Leser von Schauerromanen,
allerdings mit deutlichem Schwerpunkt auf der englischen Gothic Novel.
Als Student begann ich schon bald nach seltenen Titeln zu forschen, musste
aber rasch feststellen, dass einzig die wenigen Romane des literarischen
Kanons erhältlich waren. So unternahm ich den hoffnungslos erscheinenden
Versuch anhand von Montague Summers Gothic Bibliography die dort
aufgeführten Werke über Fernleihe zu bestellen. Zu meiner vollkommenen
Überraschung trafen bald mehrerer Dutzend Mikrofiche-Ausgaben von
seltenen Gothic Novels ein. Heute noch weitaus unerklärlicher ist die Tatsache,
dass man mir damals sagte, diese Literatur sei so obskur, dass ich die Titel für
eine lächerliche Schutzgebühr von damals 3 DM behalten durfte. Auf diese
Weise erweiterte ich konstant meine eigene kleine Bibliothek.
Dann, Anfang 2004 wurde ich über das Internet auf den kleinen Verlag Zittaw
Press aufmerksam, und seitdem arbeite ich mit meinem Freund, dem Gründer
des Verlages, Franz Potter, zusammen. Im darauf folgenden Jahr begann meine
Zusammenarbeit mit Valancourt Books. Seit dieser Zeit habe ich selbst zwei
Titel ediert und erfolgreich intensive Forschung betrieben.
Doch schon frühzeitig stellte ich fest, dass die Titel, die Zittaw und Valancourt
veröffentlichten, nicht immer die waren, die ich gerne in Druck gesehen hätte.
Nach einigen Wochen der Überlegung entschloss ich mich dann zu Beginn des
Jahres 2008, den Versuch zu wagen, und meinen eigenen Verlag zu gründen. In
einer ersten Phase schrieb ich dutzende Freunde und hochkarätige Experten
auf dem Gebiet in aller Welt an und stellte ihnen mein Vorhaben vor. Die
Resonanz und das Interesse waren so überwältigend, dass ich binnen weniger
Wochen mehr als vier Dutzend Wissenschaftler aus elf Ländern für mein
Projekt gewinnen konnte. Ein ermutigender und sensationeller Beginn!

F: Welche Art Bücher veröffentlichen Sie?
A: Da wir auf die Gothic Novel und die deutsche Schauerromantik spezialisiert
sind, decken wir mit unseren Veröffentlichungen einen Zeitraum von etwa
1764 (Walpoles The Castle of Otranto) bis 1850 ab.
Zur Zeit haben wir drei Reihen in unserem Verlagsprogramm: Innerhalb der
Gothic Library bieten wir seltene englischsprachige Gothic novels an, die in
Großbritannien oder Irland veröffentlicht wurden. Die Reihe American Gothic
beinhaltet eine ganze Reihe bisher nahezu unbekannte Schauerromane und
rückt damit erstmalig längst vergessene Autoren und Werke wieder in den
Mittelpunkt der Forschung. Sie schließt damit eine klaffende Lücke zwischen
Charles Brockden Brown und Poe. In der Reihe Deutscher Schauerroman ist es
unser Ziel, die deutschsprachige Schauerliteratur zu rehabilitieren und mit der
Veröffentlichung zahlreicher Romane und Erzählungen von heute vergessenen,
aber damals populären Autoren ihre entscheidende Stellung zwischen
Aufklärung, Romantik und Realismus zu dokumentieren. Dabei stellen wir nicht
nur bekanntere Werke wie Schillers Geisterseher oder ETA Hoffmanns Elixiere
des Teufels in einem neuen Kontext vor, sondern werden vor allen Dingen die
damaligen Vielschreiber und Lieblinge des Lesepublikums wie Joseph Alois
Gleich, Christian Heinrich Spieß und Ignaz Ferdinand Arnold sowie die vielen
anderen, zum großen Teil zu Unrecht, in der Versenkung verschwundenen
Autoren von Schauerromanen wieder auflegen.
In den meisten Fällen also veröffentlichen wir Autoren und Werke, die größere
Verlage nie in Erwägung ziehen würden und halten sie somit literaturhistorisch
am Leben.

F: Wie entstand der Verlagsname Udolpho Press?
A: Das ist eine interessante Frage. Offen gestanden dachte ich zuerst an den
Verlagsnamen Avondale Press als Reminiszenz an meine Lieblingsautorin
Isabella Kelly, die eine Gothic Novel The Ruins of Avondale Priory schrieb. Aber
gerade am 1.April 2008 (und das ist kein Aprilscherz) musste ich erfahren, dass
es bereits einen kleinen amerikanischen Musikverlag gleichen Namens gibt. Um
Schwierigkeiten mit dem Copyright zu vermeiden, musste ich den Gedanken
aufgeben. Doch schon bald kam ich auf die Idee, meinen Verlag Udolpho Press
zu taufen, zu Ehren der erfolg- und einflussreichsten Schauerromanautorin,
Ann Radcliffe und ihres Meisterwerkes The Mysteries of Udolpho.

F: Wie werden die Buchpreise kalkuliert?
A: Da gibt es eine Reihe von Faktoren, die letztendlich den Preis eines Buches
bestimmen. Er orientiert sich vordergründig natürlich an der Seitenzahl. So ist
ein Werk, das gerade einmal 100 Seiten stark ist entsprechend günstiger als ein
dickleibiger Roman von 400 oder gar 600 Seiten.
In einigen Fällen ist es nötig, z.T. mehrere hundert Euro für die Kopie oder den
Scan eines seltenen Werkes aufzubringen. Dies muss sich natürlich auf den
Preis niederschlagen. Um es mit einem Beispiel zu belegen: Für den Roman Der
Geisterbanner von Karl Friedrich Kahlert (der in seiner Erstauflage ins Englische
übersetzt wurde und von Jane Austen in Northanger Abbey erwähnt wird)
mussten wir etwa € 200 zahlen. Möglich, dass wir für weitere seltene Werke
sogar noch mehr investieren müssen. Im Allgemeinen jedoch versuchen wir,
den Preis so niedrig wie möglich zu halten.
Ein weiterer Faktor ist natürlich auch die Auflagenzahl. Da wir nicht wie die
großen Verlage in hoher Stückzahl produzieren können, kann sich dies ebenfalls
beim Preis leicht bemerkbar machen.

F: Sind Sie noch auf der Suche nach weiteren Herausgebern?
A: Aber selbstverständlich! Wir haben doch gerade erst begonnen und wollen
stetig unser Verlagsprogramm erweitern. Und obwohl wir für die drei Reihen
schon jetzt etwa 70 Editoren haben, sind auf unserer Liste potentieller
Editionen bereits über 100 Titel vertreten. Es ist bei unseren Herausgebern
nicht entscheidend, ob sie Universitätsprofessoren sind (von denen gleichwohl
sehr viele bei uns mitarbeiten), Examenskandidaten oder Doktoranden mit
einer besonderen Vorliebe für diese Art Literatur, oder unabhängige
Wissenschaftler; ausschlaggebend ist ihre Leidenschaft für die Gothic Novel
oder den Schauerroman. Unsere Herausgeber arbeiten mit uns zusammen, weil
sie diese Literatur lieben und einen Titel in einer wissenschaftlich fundierten
Ausgabe wieder veröffentlichen wollen. Und ihr größter Lohn ist zumeist eine
Anzahl von Freiexemplaren sowie ein würdigender Eintrag in ihrem Lebenslauf
bzw. auf ihrer universitären Webseite. Die Editoren sind dadurch ein integraler
Bestandteil in unserem gemeinsamen Bestreben, den Schauerroman wieder
auferstehen zu lassen und in den Mittelpunkt literarischer Diskurse und
Forschung zu rücken.

F: Welche Anforderungen stellt das Herausgeben eines Buches?
A: Zuerst einmal sollten Sie sich uns per Email kurz vorstellen und dabei Ihren
Bezug zum Schauerroman sowie Ihren akademischen Werdegang darlegen.
Vielleicht haben Sie ja auch schon einen eigenen Titel, den Sie gerne bearbeiten
möchten. Wir suchen Herausgeber, die klar und prägnant schreiben können
ohne dabei einen zu akademisch überfrachteten Schreibstil anzuwenden.
Unsere Veröffentlichungen sind alle mit einer fundierten, genau recherchierten
Einleitung versehen und beinhalten darüber hinaus noch Anmerkungen und
Anhänge. Die Einleitung sollte etwa sieben bis zwanzig Seiten (im Druck) haben.
Dies ist bewusst weit gefasst, da es natürlich stark davon abhängt, wie viel sich
über einen Autor und sein Werk/Gesamtwerk sagen lässt.
Wir suchen Editoren mit Sinn für das Detail, einem großen Forschergeist und
Enthusiasmus für das Projekt, um die bestmögliche Ausgabe liefern zu können.